Prüfend blickte sie ein letztes Mal in den Spiegel, schob einen vergessenen Lederriemen durch die dazugehörige Öse und atmete probeweise tief ein. Kühl spürte sie das Metall auf ihre sich hebenden Brüste drücken, und zufrieden stellte sie fest, dass der neue Schutz nahezu perfekt saß. Keinen Finger hätte man zwischen Rüstung und Haut schieben können, doch sie bekam genug Luft und trug nicht zu schwer an dem noch ungewohnten Gewicht. Bald würde ihr, da war sie sich sicher, das morgendliche Ritual des Anlegens in Fleisch und Blut übergegangen sein, würde sie sich kaum noch bewusst sein, die Brünne überhaupt zu tragen.
Alles würde anders werden.
Anna Licht - 8. Mai, 11:31
Beim unmotivierten Wühlen in den Offline-Beiträgen drüber gestolpert. Etwas älter als ein halbes Jahr, ein halbes Leben weit fort. Alles anders geblieben. Viele Gedanken im Bauch und Gefühle im Kopf derzeit, deswegen statt Unverdautem oder gar nichts was Liegengebliebenes. Nicht dass noch wer denkt, ich läge tot im Flur.
13 Stunden* Datenbankbasteln und Programmwurschteln ist, bei Erfolgserlebnissen an den richtigen Stellen, erträglich anstrengend, auszuhalten mit wohl plazierten Dosen von Schokolade, Kaffee und Käsebrötchen. Die ersten neun Stunden ist es o.k., und die Kollegen sind nette Gesellschaft, die letzten vier verbringt man in stiller Dankbarkeit für den Feierabend der anderen. Den Heimweg schiebt man vor sich her, hier noch ein Formular, dort noch etwas Code polieren, und die Abfrage von paradoxen Laborwerten kann man auch noch eben hinbiegen. Mit fortschreitender Uhrzeit jedoch werden die Augen schwerer, die Finger müder und schließlich schaltet man endgültig ab, Hirn, Rechner und das Licht im Flur auch, weil man eine brave Praktikantin ist.
Lustlos verlässt man nach dem Weg durch die trostlosen Kliniksgänge das Hauptgebäude, tritt für einige wenige, gnädige Meter zum U-Bahn-Schacht hinein in die nächtliche Luft, die wie Nieselregen ist, und schlurft den wirklichen Anstrengungen des Tages entgegen.
*Disclaimer: ich mache das freiwillig. Niemand zwingt mich oder setzt mich unter Druck außer mir selbst und meinem schlechten Zeitmanagement! Meine Chefin ist derzeit noch nicht einmal da und wenn sie es wäre, sie würde sagen: was machen SIE denn noch hier?
Anna Licht - 5. Mai, 14:45
Einer der gesellschaftlichen Vorteile des sich langsam der Jahreszeit anpassenden Wetters ist, dass man zufällig getroffenen Jahrgangskoleginnen bei Bedarf wieder relativ gefahrlos die Frage nach einer eventuell bestehenden Schwangerschaft stellen kann.
Im Winter, dem natürlichen Lebensraum von Daunenjacken und Energiereserven, kann das unter Umständen problematisch sein. Man weiß dann nie, ob sie wegen der Hormone oder der herbeiphantasierten Stoffwechselretardierung heulen.
Anna Licht - 23. Apr, 10:51
Es hätte das Motiv des Tages sein können.
Leichenwagen parkt vor Fleischerei.
Und ich werde vom Bus daran vorbei gefahren.
Merke: Das Leben ist nicht fair.
Anna Licht - 23. Apr, 09:47
Der Plan war eigentlich nahezu perfekt und die Rahmenbedingungen optimal. Denn zu Beginn des neuen Semesters weilte Mutter Licht noch in den Ferien und somit war die Stelle hinterm Steuer ihres Wagens vakant. Auch in der zweiten Semesterwoche benötigte das Fahrzeug dringend Zuneigung von der töchterlichen Seite, was dieser weitere fünf Tage weitestgehend (wir befinden uns immer noch im Straßenverkehr) idiotenfreies Pendeln ermöglichte. Woche Drei wurde dann genutzt, um Gesprächsstoff für die mit dem Älterwerden (und vor allem dem Arbeiten in einer öffentlichen Einrichtung) gehäuft auftretenden Diskussionen über das gesundheitliche Befinden und den eisigen Blick des baldigen Todes anzuhäufen.
Drei Wochen Zeit also für alle nervösen Erstsemester, die richtigen Buslinien zu finden, die Abfahrtszeiten zu lernen und sich in den innenstädtischen Trott einzureihen. Drei Wochen Zeit für die Zweit- und Drittsemester, ihre übersteigerten Egos wieder ein wenig runterzufahren, die Bewertung ihrer Dozenten und Referatsthemen nicht öffentlich und über mehrere Meter hinweg uninteressierten Zeitgenossen kollateralschadenartig um die Ohren zu werfen, und vor allem drei Wochen Zeit, um sich daran zu erinnern, dass dies hier eine sehr kleine Stadt ist, deren sämtliche Wege wesentlich schneller mit dem Fahrrad zu bewältigen sind, als die Busfahrer "Bitte den Bereich vor der hinteren Tür freimachen, damit sie endlich schließt" sagen können.
Aber was sind schon drei Wochen, wenn ich mit meinen Kommilitonen im Berufsverkehr schön gemütlich und mit aller Zeit der Welt im Weg stehen kann _und_ dabei nach allen Regeln der Peergroup-Zugehörigkeit top gestylt bin?
Anna Licht - 22. Apr, 10:13
Zitternd zog sie sich die letzen Zentimeter empor, die Fingerspitzen in den kalten Stein des Fenstersims gekrallt, und keinen Blick warf sie auf das, was vor ihr lag. Mit halb geschlossenen Augen kroch sie durch das Fenster, das so viele Jahre lang den Rahmen für ihren Blick auf die Welt gegeben hatte. Sie straffte die Schultern, richtete sich gerade auf, als ihre Füße sicher auf dem vertrauten, so kalten Boden angekommen waren, und erst jetzt öffnete sie Augen und Blick für ihre Umgebung.
Der Raum war leer.
Nur das, was sie vergessen hatte, fand sie dort, auf dem Fußboden liegend. Das Herz war, das sah sie auf den ersten Blick, zerbrochen, und sie war nicht sicher, ob es je wieder ganz zu heilen wäre.
Die Lunge aber hatte auf wundersame Weise keinen Schaden genommen.
Anna Licht - 21. Apr, 10:34
Sie war den ganzen Weg gerannt. Atemlos zwängte sie sich durch die lindgrünen Haselsträucher am Rande der von Frühlingssonne überfluteten Lichtung. Dort stand er, ihr Turm, in dem sie so viele Jahre gewartet hatte. Hoch ragte er vor ihr in den blauen Himmel. Die Leiter stand noch da, wo sie sie zurück gelassen hatte, vom Prinzen hingegen keine Spur. Hastig erklomm sie die ersten Sprossen, doch je höher sie stieg, desto langsamer wurde sie und die letzten Griffe, die ihre Hände tätigen mussten, um sie das Fenster erreichen zu lassen, wurden zögerlicher und zögerlicher. In ihrem Innern wusste sie, was sie dort oben erwarten würde. Sie hatte es immer gewusst, aber nicht zu denken gewagt, hatte sich immer neue Begebenheiten ausgemalt, deren Verlauf das große Ganze hätten ändern können, hatte immer neue Podeste für ihre Hoffnung aufgestellt.
Anna Licht - 20. Apr, 19:41
Irgendwann war es egal, in welche Richtung sie blickte - der Putz bröckelte von allen Wänden in großen Stücken, und unter ihm traten die Risse im ächznden Mauerwerk zutage, einige schon so breit, dass sie ihre geballte Faust hätte hinein stecken können. Doch das tat sie nicht, denn durch die Risse hindurch konnte sie nur verschwommene Umrisse in der Dunkelheit ausmachen, deren Bewegungen sie schnellerund flacher atmen ließ. Sie wusste, was da auf sie zu kam, es waren alte Bekannte, und sie würde allein mit ihnen sein.
Anna Licht - 13. Apr, 20:54
Sie haben keine neuen E-Mails.
(Gucken Sie ruhig 48 mal am Tag nach, ob sich das geändert hat, aber im Prinzip wissen wir ja beide, dass das vollkommene Zeitverschwendung ist, nicht wahr?)
Anna Licht - 11. Apr, 12:50